Dilatato corde

Als Jugendlicher habe ich mich irgendwann mal entschlossen, mir keine Vorbilder zu nehmen – zu abschreckend fand ich die Vorbilder meiner Mitschüler, als dass diese eine sinnvolle Funktion erfüllen könnten.

Irgendwann wird man älter und weiser und erkennt, dass man sich doch an gewissen Persönlichkeiten orientiert hat. Nicht weil sie sich als Posterboy irgendwie als Helden gaben, sondern durch ihr Handeln, persönliches Da-sein und Wirken.

So einer war Lolo für mich. Einer, der schon immer da war (er war etwas älter als meine Eltern) und mit viel Witz und Charme durch sein Leben ging. Einer, der auch uns Kinder war nahm und seine Zeit bewusst auch mit uns verbrachte. Unvergessen für uns, als er uns mal wieder besuchte und statt mit meinen Eltern zu philosophieren lieber uns drei Kindern mehr als eine Stunde lang ein „Mickey-Maus-Buch“ vorlas und erklärte.

Sein Humor kam an vielen Stellen zur Geltung – beim Witze erzählen, bei seinen Lausbuben-Streichen (der Ochsen-Schädel als Ziel bei einer Nachtschnitzeljagd; die Langlaufstecken im Baum, …) und auch bei seinen Predigten. Kaum eine Ansprache ohne eine Stelle zum Schmunzeln.

Lolo war jemand, der das Leben ernst nahm – an den wichtigen Stellen. Als er sich mal Socken von meinem Vater auslieh (seine wurden bei einer Bergtour patsch nass) und diese Socken dann drei Stunden später verloren hatte – da hatte er nur einen lockeren Spruch parat. Meinen Vater wurmte es – Lolo war es egal. Die wichtigen Stellen waren für ihn jene Menschen, denen es nicht gut ging. Den Abgehängten, den Verlorenen, die Suchenden. Wenn er mit der Brauerei in Andechs Geld erwirtschaften konnte – warum nicht damit die Obdachlosenhilfe in München finanzieren.

Er hatte für alle ein offenes Ohr – unabhängig von Titeln und Status. Er hörte alten Menschen genauso zu wie er die Sorgen von jungen Menschen annahm. Mit einer großen Gelassenheit und Wärme stellte er den individuellen Menschen und die Liebe in den Mittelpunkt und nicht die Hierarchien – beispielsweise segnete er auch gleichgeschlechtliche Paare und Wiederverheiratete.

Er hatte das, was sein Leitspruch war: Dilatato corde – ein weites Herz.

Ruhe, Gelassenheit, Wärme, Vertrauen und Offenheit – das war auch bei seinem Requiem heute zu spüren. In einem mehr als vollen Dom nahmen heute die Menschen gemeinsam Abschied von Lolo – gut und weniger gut angezogene Menschen, reiche und arme, jung und alt. Dankbar für dieses weite Herz.

Und auch ich bin dankbar, diesen Menschen zur Orientierung gehabt zu haben. Wenn auch damals unbewusst. Und viel gelernt zu haben über das hoffentlich Wichtige im Leben.

Alt-Abt Odilo Lechner verstarb am 3. November 2017 im Kloster St. Bonifaz zu München.